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  • Lebenszeichen

    "Belebe mich!"

    Mich beschlich das Gefühl, als ob er mich traurig anschauen würde.
    So einsam lag er vor mir. Alleingelassen. Vertrocknet klebte noch die Tinte an seiner Spitze.
    Ich ergriff mir ein weißes Blatt Papier, schob es in den Drucker und drückte auf "DRUCKEN".

    "Belebe mich!"

    Ich blickte auf ihn herab. Ja, da lag er nun.

    "Belebe mich!"

    Nein. Ich würde es nicht tun und fühlte eine Gänsehaut an meinem Rücken hochklettern ob alter Erinnerungen.
    Ich ergriff ihn und legte ihn wieder in die alte Schachtel, zurück zu all den anderen Erinnerungsstücken einer vergangenen Zeit.
    Es ging einfach nicht. Es fehlte etwas entscheidendes.
    Die Patronen.

    Ein letzter Blick auf meinen alten Schulfüller, dann verschloss ich die Schachtel.

  • Gedanken am Rande der Bedeutungslosigkeit

    Ja, ich schreibe noch in meinem Blog Einträge für geneigte Interessierte.
    Nein, ich bin nicht weg und lebe auf der Insel der Glückseeligen.
    Ja, ich analysiere das nächste Thema für meinen Blogeintrag.
    Nein, ich will nicht Dutzenden Eulen nach Athen tragen.
    Ja, ich bin in einer individuellen Schaffenskrise.
    Nein, ich bin nicht die Schaffenskrise.
    Ja, ich bin es trotzdem doch noch.
    Nein, ich bin es nicht.
    Ja, ich bin es.
    Nein, ich bin.
    Ja, ich.
    Nein.

    Hm. Es wird mal wieder Zeit, dass ich eine Fallhöhe für mich und meiner Schreibe schaffe, an deren meine schlechten Blogeinträge gemessen werden können. Und so schreib ich auf meiner mit Zitronensaft gesäuberten Erstklässler-Schultafel mit quietschender Kreide ein
    "YES I CAN"
    und hoffe, dass das suggestiv genug sein wird.
    Für mich.
    Nicht für Euch.
    Aber für Euch.
    Zum Belustigen.

    Ich lebe noch.
    Aber ein wenig schreibfaul ...

  • Der Fehlanruf

    »Mein Smartphone hat verrückt gespielt.«
    So ganz wohl war mir nicht, als ich den Text in das Feld für SMS-Nachrichten eintippte.

    Bluetooth ist eine wunderbare Sache. Im Mietfahrzeug ersparte es mir ein Kabel und darüber hinaus auch das regionale Musikprogramm der bayrischen Sender. Ich hatte das Fahrzeug mit meinem Smartphone gekoppelt gehabt und als ich das Mietfahrzeug ausgeschaltet und abgeschlossen hatte, war ich der Meinung, dass die Verbindung zwischen meinem Smartphone und der Fahrzeugelektronik ebenfalls gekappt worden wäre. Von irgendwoher vernahm ich das Rufzeichen eines Anrufs. Belustigt schaute ich zurück, um festzustellen, wer denn da mit seiner Fahrzeugfreisprecheinrichtung so laut telefonieren würde. Es kam aus meinem Mietfahrzeug. Neugierig schaute ich nochmals ins Fahrzeug und mein Blick fiel aufs Display. Dort war ein Name angezeigt, den ich kannte. Mir wurde umgehend klar, was das nur bedeuten konnte. Mein Griff zum Smartphone in meiner Jackentasche und die darauf folgenden Wischbewegungen erfolgten in aufgeregter Hektik. Letztendlich konnte ich den Anruf erfolgreich beenden. Dafür rief der Angerufene mich dann zurück. Nur, beantworten konnte ich den Anruf nicht, denn mein Smartphone spielte nicht mit und legte einen Neustart hin. Der klassischer Softwareabsturz.

    »Mein Smartphone hat verrückt gespielt.« Mein Satz - dem Angerufenen per SMS zugeschickt - erschien mir eigentümlich schizophren. Weder kann mein Smartphone »spielen« noch hat es ein Bewusstsein, welches als »verrückt« bezeichnet werden kann. Dass nebenbei auch noch die Software des Mietfahrzeugs dem elektronischen Ausschalter nicht Folge leistete, … »Folge leisten«. Wieder so ein Ausdruck, der der seelenlosen Technik Leben einhaucht.
    »Mein Smartphone macht auch, was es will«, erhielt ich als Replik auf meine verschickte SMS.

    In frühen Jahren hatte ich einen Schachcomputer. Auf Stufe 1 hatte ich regelmäßig gegen das elektronische Schachhirn gewonnen: Schachmatt in fünf Zügen. Wiederholbar. Immer wieder. Er lernte nichts dazu. Nur ab Stufe 5 zickte der Schachcomputer herum und lies mich jedes Mal verlieren. Wiederholt. Immer wieder. Da konnte ich machen, was ich wollte. Geschimpft hatte ich. Gezetert, wenn er mich bis zum letzten Zug ausgerechnet hatte. Fluchend drückte ich auf seine schmale Tastatur wütend herum, wenn er mir meine Beschränktheit aufzeigte. Auf all meine Bitten, all mein Flehen und all mein Verfluchen reagiert er mit berechnender Kühle, die im eindeutigen Widerspruch zur Wärmeleistung im Bereich seiner Stromversorgung stand. Viel hatte ich mit ihm geredet, aber genutzt hatte es überhaupt nicht.

    Oder mein Kassettenrekorder. Ich hatte der Radiosendung - einer Live-Übertragung - entgegen gefiebert. Die Sendung begann und ich startete die Aufnahme. Als etwas später nach dem Drücken der Aufnahme-Taste eben diese mit einem trockenen Knacken aus der Verrastung heraus sprang, fand meine intensive Zwiesprache mit dem Gerät statt. Ich öffnete das Kassettenfach und sah von der Kassette das braune Band in das Laufwerk hinein- und herausragen. Ein paar überhastete Handgriffe von mir später - begleitet von diversen Flüchen und Fragen an meinen Kassettenrekorder - hielt ich zwei zerknitterte schmale Bandenden in der Hand und ich fragte den Kassettenrekorder entrüstet, warum er gerade dann das macht, was ich nicht wollte, wenn ich es überhaupt nicht gebrauchen konnte. Der Rekorder reagierte auf meine Anwürfe nicht, obwohl ich der unbeugsamen Meinung war, er müsste mir Rede und Antwort stehen.

    »Mein Smartphone macht auch, was es will.« Ich schaute auf das meine und fragte mich, warum ich nicht einfach anriefe. Nur, über was reden? Über ungehorsame Smartphone? So von Smartphone-Besitzer zu Smartphone-Besitzer? Dass Technik einfach nicht gehorchen will? Seinen eigenen Willen dessen Besitzer aufzwingt?
    Das Display schaltete sich ab, wurde schwarz. Im Glas des Display erblickte ich ein Gesicht, ein ziemlich ratloses Gesicht umgeben von der Schwärze des reflektierenden Glases. Wenn schwarz die Abwesenheit von Licht ist, so fragte ich mich, wie konnte dann das Glas Schwärze reflektieren. Ein ziemlich abstruser Gedanke. Ich drehte das Display nach unten, das Gesicht verschwand und ich verstaute mein Smartphone wieder in meine Jackentasche.
    Später, vor dem Schlafengehen kontrollierte ich, ob es nicht wieder eigenwillig Telefonverbindungen aufgebaut hatte. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ich kontrollierte und entdeckte nichts außergewöhnliches. Ein weiterer abgehender Anruf von mir war nicht im Telefonprotokoll registriert.

    Mein Smartphone läuft auf Android-Basis. Es ist nur ein technisches Gerät. Technische Geräte spielen nicht. Sie haben kein verrücktes Bewußt-Sein. »Mein Smartphone hat verrückt gespielt«, war eine opportune Ausrede über diesen unerwarteten Zufall.
    In der folgenden Nacht hatte ich das Smartphone abgeschaltet. Rein zur eigenen Sicherheit. Solch ein Zufall sollte sich nicht wiederholen und dabei eventuell mein Schnarchen in die ganze Welt raus telefonieren.
    Abgeschaltet. Das Android-Betriebssystem meines Smartphones im Energie-Sparmodus. Sozusagen der Schlafmodus.
    Oder doch nicht? Die Akkuanzeige am Morgen danach war erheblich geringer als am Abend zuvor, nachdem ich das Smartphone aufgeweckt hatte. Zufallsanrufe waren nicht verzeichnet. Als das Display nach meiner Überprüfung wieder schwarz wurde, sah mich erneut das Gesicht vom Vortag fragend an. Ich wusste, um welche Frage es sich handelte. Es war der Titel einer Kurzgeschichte, jene von Philip K. Dick: »Do Androids Dream of Electric Sheep?«

    Der Zufall hat kein Gedächtnis. Und Smartphones träumen nicht.
    Alles andere ist Ausrede.

  • Vom schnellen Reichtum komplett überrascht

    So, meine Lieben, es ist vollendet. Mein Sargdeckel wird definitiv golden sein. Denn soviel, wie ich jetzt bald haben werde, kann ich einfach nicht ausgeben.
    Lindsay schrieb mir.
    Ihr kennt Lindsay nicht? Da seht ihr es mal wieder. Ich bin auf der Sonnenseite des Lebens und nicht im Schatten der Tür von Dagobert Ducks Geldspeicher. Lindsay Rogers meine ich und sie schrieb mir heute folgende Email:

    Von: "Rogers, Lindsay" lindsay. rogers ( ) ubc. ca
    Datum/Uhrzeit: 24.01.2014 / 09:50(Empfang)
    Betreff: Antworten für Details

    Es tut mir leid, um Ihre Privatsphäre auf diese Weise stören. Es gibt eine gewisse verstorbenen Kunden von meiner Bank, die hinter US $ 18 Millionen übrig. Ich suche Ihre Partnerschaft in Empfang dieses Fonds. Wenn Sie interessiert sind, sofort zu antworten für detaillierte Informationen.

    Danke,

    S.L

    Schon klar, Lindsay arbeitet wohl in der kannadischen Niederlassung der "Union Bank of California". Richtig gelesen. Kalifornien. Kennt jeder. Liegt direkt bei Hollywood, da wo alle Reichen und Schönen leben. Demnächst auch ich. Ätsch.
    Lindsay ist schon verdammt raffiniert, sie kürzt ihren Namen voll diskret mit "S.L" ab. Klar, sie will ja nicht wie Snowden enden. Ein wenig die NSA nasführen muss schon sein, nicht wahr? Aber ich hab die Finte sofort erkannt, Lindsay Rogers, du geschicktes Luder! Ich spiel mit, du. Lass uns in finanziellen Kontakt treten, hey. Ich habe noch ne leere Abstellkammer, da kannste das Geld deponieren, woll!
    18 Millionen US-Dollar. Das sind über 13 Millionen Euro! Und wie aus der Mail zu entnehmen ist, denke ich, wird das Ganze mir netto angeboten.
    Leute, mir scheint die Sonne aus dem Allerwertesten und ich bin demnächst ein Star und rufe bald: "Nehmt mich hier raus! Aus Deutschland, ihr Finanzberater". Und dann geht's reich ins Heim statt heim ins Reich. In Geldmünzen werde ich baden, in Geldscheinen tauchen und zwischen all den Säcken mit Geld nicht mehr auffallen.

    Endlich.

    Jetzt muss ich nur noch auf jenes einmalige Angebot antworten. Wo ist nochmal der Antwort-Knopf des Email-Programms?
    Hm.
    Frau Oberpflegerin, könnten Sie sich mal wieder um mich kümmern und nicht um die Strickgruppe? Wie antworte ich hier?
    ...

  • Frage des Abends:

    Dose aufhebeln und direkt leer löffeln?
    Oder doch eher in selbstgemachten Churros abfüllen und dann genüßlich noch warm langsam genießen?

    Doce de Leite

    Und dann noch:
    Wie viel km in wie viel Stunden muss ich dann heute Nacht noch joggen, damit mir niemand diese Leckerei ansieht? ...

  • Brezner is back

    Er filmt wieder. Franz-Kevin Brezner. Die dunkle Seite der Wurst.

    http://www.youtube.com/watch?v=0jVuUNS2Tog

  • Schmonzes zum Jahresstart 2014

    Tresenbild #3

    Der Jahreswechsel war geglückt. Ich saß in meiner Kneipe und schaute zufrieden von oben in mein gerade leer getrunkenes Kölschglas. Es gibt Momente, da fühlt sich jeder eins mit dem Universum. Und genau das dachte ich mir in jenem Augenblick, dass das Universum und ich ...

    »Was ist das wieder für eine Kacke!«

    Ungefragt nahm er an meiner Seite Platz und winkte dem Wirt zu.

    »Zwei Kölsch!«, und schaute mich fragend an: »Du trinkst doch auch noch eins, oder?«

    Ich nickte stumm. Sollte er den Preis in Naturalien zahlen, sich so einfach neben mir hocken zu dürfen.

    »Mach gleich drei«, rief er dem Wirt korrigierend zu. »Für ihn hier eins«, und deutete dabei auch mich. »Mann, Mann, Mann, ist das wieder für eine Kacke.«

    Eigentlich wollte ich den Gedanken an das Universum fortsetzen, nur ...

    »Und wie war dein Silvester?«
    »Mein Silvester verlief ausgesprochen ...«
    »Haste auch so viel geballert?«
    »Ich habe ...«
    »Silvester ist der reinste nationale Umweltvermüllungstag. Jeder bringt seine Plastiktüten und sein Altglas und seine PET-Flaschen mit raus, qualmt dann mit Raketen in der Luft rum und geht dann weg, ohne um sich um den Müll zu kümmern. Die Straße als Silvester-Müllhalde.«
    »Aber das ...«
    »Und dann erst der Lärm. Denkt eigentlich wer an die vielen Haustiere? Die springen doch vor Angst im Achteck. Das ist vorsätzliche Tierquälerei!«

    Der Wirt brachte die drei bestellten Kölsch. Mein Nachbar ergriff sich sofort eines davon und setzte an.
    Ich versuchte die Gelegenheit auszunutzen:

    »Ach ja, du trägst im Sommer also auch die Kröten einzeln über jede Landstraße, oder?«

    Er setzte sein Glas ab.
    Leer.
    Schaum lief am Glasinnern runter.
    Er ergriff das Zweite.

    »Laich nicht solchen Unsinn ab. Du hilfst doch sicherlich nicht mal einer Oma über die Straße.«
    »Warum sollte ich? Jeder ist für sich selbst verantwortlich.«
    »Aha, der Herr hat den demographischen Wandel im Blick. Vor der Rente dürfen Ältere über viel befahrene Straßen gehen. Nach der Rente müssen sie. Selbstverantwortlich halt.«

    Es war so ein schöner Tag gewesen. Ich hatte zuvor meinen Lottoschein eingelöst und mir das Geld für die drei Richtigen plus Zusatzzahl abgeholt gehabt. Davon wollte ich mich einfach mal selbst belohnen. Doch dann kam er, dieser ...

    »Mann, Mann, ist das eine Kacke.«
    »Hör mal, ich hab dich nicht gebeten, dich an meinen Tisch zu setzten und mir die Ohren mit Kokolores vollzujammern.«
    »Das ist kein Kladderadatsch.«
    »Quatsch, Mumpitz!«
    »Ach, Papperlapapp.«
    »Schmarrn!«
    »Von wegen Pillepalle.«
    »Absoluter Käse!«
    »Gute Idee!« Er winkte dem Wirt zu: »Mach mir nen Halven Hahn.« Er schaute mich fragend an: »Du auch?«
    »Nein, danke. Kein so’n Firlefanz. Mir ist nach was Herzhaftem«, und rief zum Wirt: »Und mir ein Mettbrötchen. Aber mit einer doppelten Portion frischer Zwiebeln.«
    Mein Nachbar schaute mich an: »Noch ein Date mit deiner Frau?«

    Ich schüttelte energisch den Kopf.

    »Schütteln ist immer gut. Na, dann geh ich mal für Königstiger.«

    Er stand auf, griff noch mal nach seinem zweiten Kölsch, leerte es in einem Zug und entfernte sich Richtung dem entsprechend riechenden Königstiger-Männerklo. Hoffentlich entledigte er sich dort seiner Kacke, dachte ich mir dabei noch, als ich ihm nachschaute.
    Es war wieder ruhig.
    Im Hintergrund lief Musik von Jean-Michel Jarre. Sphärenklänge der 80er in einem dreißig Jahre späteren Jahrzehnt. Sphärenklänge.
    Sphären.
    Klänge.
    Wo war nochmals das Universum?
    Es hatte sich aufgelöst. Nur ich saß noch immer in dessen Zentrum. Versuchte zu vergessen und vergaß, was ich vergessen wollte. Ich atmete tief ein und war mir sicher, wieder zuhause zu sein. Hier war mein Revier ...
    Ich schaute in mein leeres Glas und spürte dessen kalte Leere. Da war es wieder, das Universum. Mein Zuhause.

    So ein Quatsch.
    So ein Humbug.
    Nippes?
    Stuss.
    Geraffeltes Glumpertes etwas.

    Ich drehte mich zur Theke und schaute dem Wirt mit eiserner, grimmiger Entschlossenheit in die Augen. Es musste sein. Wenn das Jahr 2014 weiter gehen sollte, dann war das folgende Verlangen unausweichlich:

    »Herr Oberspielleiter, noch ’n Kölsch bitte.«

  • Vorweihnachtliche Einkaufsliste

    Der Bleistift gespitzt, das Blatt Papier flach gestrichen und die Augen auf die ersten Zeilen gerichtet, so saß ich vor meinem Zettel:

    »Liebes Christkind. Ich wünsche mir echt nicht viel: Keinen Weltfrieden, keine Armut oder keine Gerechtigkeit, das will ich alles nicht. Aber ich will etwas Einfaches. Eine Tafel Schokolade, einen Sack Marzipankartoffeln und Karamelltaler. Geht das?«

    Angestrengt schaute ich auf meine Schreibe und analysierte: eindeutig zu hochmütig. Denn »echt nicht viel« las sich abgehoben an. Es war in Wahrheit schon eher »echt viel«. Also strich ich es.

    Und schließlich die zahlreichen Wortwiederholungen. So viel Mal »keine«; das ist schlapper Stil. Also durchkreuzte ich auch diese Worte und fügte als Ausgleich ein »nicht« ein.

    Mein nächster Blick galt dem »will ich« und dem »ich will«: Ich will, ich will, ich will. Ich bin doch kein kleines Kind mehr, das immer nur will, warf ich mir leise vor. Das musste weg. Also verschwand das »ich will« unter einem breiten Strich meines Bleistiftes. Es verblieb mir ein »das alles nicht« und ein »etwas Einfaches«. Ein Zusammenhang dieser Worte erschloss sich mir nicht. Sie standen so losgelöst, so allein. Weg damit. Keep it simple.

    Und erneut Wiederholungen des Wortes »eine«. Da ich schon mal am Streichen war, gab es nur eine Lösung. Hinfort damit.
    Erst »Tafel Schokolade«, aber dann gleich »Sack Marzipankartoffeln und Karamelltaler«? Gleich drei Dinge auf einmal? Die »Marzipankartoffeln« fielen meinem Lektorat zum Opfer.

    »Tafel Schokolade und Karamelltaler«. Nein. Zu viel der Wünsche. Bescheidenheit ist etwas anderes. So etwas ziemt sich nicht. Die »Tafel« wurde gestrichen und ich blickte auf »Schokolade und Karamelltaler«. Seufzend strich ich »Karamelltaler«. Das Wort war erstens nun mal zu lang und zweitens schwer zu verstehen.

    Erneut las ich den korrigierten Wunschzettel:

    »Liebes Christkind. Ich wünsche mir nicht Weltfrieden, Armut oder Gerechtigkeit. Aber Schokolade. Geht das?«

    Ich blickte auf und schaute über die Terrasse des Cafés. Jeder Tisch war umringt von Stühlen, auf denen rote Decken lagen. Unter einem Heizpilz ließ es sich momentan mit einer Decke gut aushalten. Viele Besucher hatte das Café zu dieser Uhrzeit noch nicht. Einzig an einem Tisch saßen zwei Verliebte, tranken Kaffee und schauten in den Park hinaus. Dort schlenderten einzelne Menschen auf den Wegen unter den kahlen Bäumen. Deren Hände hatten sie tief in den Manteltaschen versteckt. Nur mühsam drang die Sonne durch den Hochnebel. Wärme konnte die Sonne keine mehr erzeugen. Aber sie zeichnete den Park in einem Stimmungslicht, als ob die gesamte Szenerie mit einem Weichzeichner abgefilmt worden wäre.

    Nein, das passte nicht. Überhaupt nicht. Da lag in meinem Wunschzettel eindeutig das Problem. An das Christkind glaubte ich längst nicht mehr. Also ging das nicht. Mit Entschlossenheit strich ich die ersten und die letzten beiden Worte.

    »Ich wünsche mir nicht Weltfrieden, Armut oder Gerechtigkeit. Aber Schokolade.«

    Schokolade. Schokolade war das Stichwort. Ich wollte noch Schokolade einkaufen.

    Ich nahm einen letzten Schluck aus meiner Kaffeetasse, legte passend Kleingeld auf den Tisch, stand auf und ging.

  • Miss Money-Penny ist in der Stadt

    „Sie räumen Ihren Schreibtisch!“

    Der Satz traf mich komplett unvorbereitet.

    Es war eh bereits ein ungewöhnlicher Tagesbeginn gewesen. Eine mit dunklen Seitenfenstern versehenen Limousine kam am Vormittag auf den Hof vorgefahren. Zwei Herren in schwarzen Anzügen mit Sonnenbrillen und zwei Frauen ebenfalls in Schwarz (aber komplett unsexy!) entstiegen den sich öffnenden Türen. Mir fiel direkt auf, dass am Nummernschild der Limousine ein 'CD'-Schild klebte. Die Entstiegenen musterten kurz die Umgebung und bewegten sich danach zielgerichtet auf den Eingang zu. Ihre Schritte führten über den Empfangsbereich in das Büros des Boss. Kurze Zeit später kamen die vier wieder heraus. Die beiden Frauen voran, dahinter die beiden Männer. Mit der im Revers gesteckten Sonnenbrille blieben sie kurz an unsere verglasten Bürotür stehen, schauten aufmerksam zu uns herein und gingen danach grußlos weiter.
    Es ist nicht das erste Mal, dass wer neugierig in unser Büro schaute, obwohl er dort eigentlich nichts wollte. Der letzte war der Präsident der deutschen Fahrradfahrer, jener welcher mit einem gewissen Brüderle gemeinsam eine Firma führt. Aber jener Fahrradfahrerpräsident und China-Experte hatte damals nur nett reingegrüßt, mit seinem typischen sozialdemokratischen Grußonkelgruß.
    Diese ‚Men in Black‘ jetzt aber waren anders. Deren Blick hatte etwas Analytisches, etwas Nüchternes, Sachliches.

    „Sie räumen Ihren Schreibtisch! Und zwar ‚auf‘, verstehen Sie?“

    Da stand nun mein Oberboss in der Tür und lächelte über sein eigenes Wortspiel. Ich schaute ihn fragend an. Ohne Zweifel, mein Schreibtisch hat ein Ordnungssystem, welches dem unbedarften Beobachter wirr und ungeordnet erscheinen mag. Aber es hat ein Ordnungssystem. Mindestens eins. Ich selber weiß immer, wo etwas liegt. Oder liegen könnte. Oder könnte liegen können. Immer. Selbst bei einer Sonnenfinsternis. Selbst wenn es eine kleine längere Zeitspanne dauern sollte, bevor ich es nachweisen kann.

    Ich wollte eine vorsichtige Frage formulieren, jedoch fuhr er bereits fort:

    „Übermorgen kommt Penny Pritzker um drei. Und da möchte ich nicht, dass sie einen falschen Eindruck gewinnt.“

    Miss Money-Penny. Penny Pritzker. Penny Sue Pritzker.
    Hm.
    Muss man die kennen?

    Seit Mai dieses Jahres ist die Besitzerin (s.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Penny_Pritzker) der Hotelgruppe „Hyatt“ (weltweit größte Hotelkette) Handelsministerin im Kabinett von Barack Obama. Zur Erklärung: Barack Obama ist der entschiedenste Friedensnobelpreisträger und brutalst mögliche Guantánamo–Auflöser seit der Erfindung von Himbeereis auf Stragula. Und Miss Money-Penny war entscheidend dran beteiligt, dass Barack Obama seinen erfolgreichen Wahlkampf 2007 mit einer Rekordsumme an Spendengeldern betreiben konnte. Barack Obama verdankte gerade seine erste Präsidentschaft eben dieser Penny Sue Pritzker. Und hätte Money-Penny in der Bankenkrise 2007 nicht eine eigene Bank mit riskanten CDS-Papieren in den Sand gesetzt gehabt, sie hätte bereits damals den Ministerposten erhalten. Es war damals nur inopportun. She was not amused.
    Darüberhinaus gehört Miss Money-Penny allerdings laut ‚Forbes‘-Liste zu den 500 reichsten Menschen dieser Welt. Ungefähr 1,6 Milliarden Dollar Vermögen (ungefähr 1,2 Milliarden Euro) soll sie ihr Eigen nennen.
    Liebe Leser, vergesst aber nicht, dass das nicht wirklich viel ist. Um das Ganze gleich einmal in Relation zu setzen: Karl Albrecht (Mr. ALDI) soll über 16 mal mehr verfügen können. Nur ist Karl kein Minister. Jedenfalls nicht, dass ich es wüsste (es wird ja in Berlin noch groß koalitionsverhandelt).

    Penny Sue Pritzker.
    Eine amerikanische Karriere. Die war sicherlich mal Tellerwäscherin. Im Hyatt.

    Mit Geld kann man sich ein Traumschloss in Sarasota kaufen, dass nach zehn Jahren beginnt, baufällig zu werden. Aber Macht ist das steinerne Fundament das Hunderte von Jahren überdauert
    (Francis ‚Frank‘ J. Underwood aus der wirklich bemerkenswerten US-Web-Serie ‚House of Cards‘)

    Eine Milliardärin als Ministerin eines Kabinetts Barack Obamas.
    Miss Money-Penny ist also in der Stadt.

    „Aha, deswegen die ‚Men in Black‘? Und? Haben die Sie geblitztdingst?“

    Er lachte kurz amüsiert und antwortete:
    „Die haben sich hier alles angeschaut. Allerdings, manchmal wünschte ich mir auch so ein Blitzdingens. Wäre nicht schlecht. Besonders, wenn ich Ihren Schreibtisch sehe. Räumen Sie bitte auf, okay. Ich will, dass wir einen guten Eindruck machen. Und Ihr Schreibtisch macht es überhaupt nicht.“

    Wenn Miss Money-Penny also in einer deutschen Stadt ein mittelständisches Unternehmen für 15 Minuten besucht, dann weiß eigentlich jeder, was das bedeutet. Nein, nicht das jenes mittelständische Unternehmen eine echte große Konstante in dieser kleinen globalisierten Welt darstellt (nein, das ist das Unternehmen unabhängig dazu sowieso), sondern dass Barack seine Miss Money-Penny wegen dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und USA auf Europa-Tournee geschickt hat.

    Wobei … ich frag mich schon, was Penny Pritzker hier in Europa so treibt (außer ihre eigenen Hotels zu begutachten). Denn Neuigkeiten wird Penny Sue wohl nicht erfahren, was die Barack-NSA nicht bereits auf ihren Servern fein ordentlich geordnet und abgespeichert hat.
    Vielleicht: Ein Werben für die Einhaltung der EU-Asylanten-Regularien in Deutschland auch für US-Staatshinzugehörige mit momentanen Aufenthaltsort ‚Russland‘? Andererseits, es ist schon klar, dass ihre Stipp-Visite nur ein Brosamen für einen Unternehmer darstellt, während ihr eigentlicher Aufenthalt eher der politischen Elite dieses Bundeslandes gelten dürfte. Vielleicht interessiert sich Penny ja auch für günstige, Rendite-starke Immobilien dieser Bundesland-Hauptstadt (32000 GBW-Mietwohnungen vormals für finanziell schwach aufgestellte Bewohner in einer Stadt mit sehr hohen Mietpreise), welches die Bayrische Landesbank verkauft hatte und die Bayrische Seehofer-Regierung mit gezielter Untätigkeit nicht unterband (s.a. http://www.sueddeutsche.de/thema/GBW-Wohnungen).

    Das ist natürlich Quatsch.

    Ich stricke Lügen und Legenden. Nur, weil sich wer mehr für die nördlichste Stadt mit italienischen Flair diesseits der Alpen interessiert, statt in ihrem eigenen „Hyatt“-Hotel in der indischen Stadt Chennai den messerscharf denkenden Giganten Viswanathan Anand und Magnus Carlsen bei deren Schach-WM-Duell gedanklich zu folgen. Da ich selber eh ein abgehalfterter, schon damals erfolgloser Schachspieler war, ist es klar, dass ich mich jetzt an Miss Money-Penny mit diesem Blog-Eintrag rächen möchte. Was auch sonst, gelle.

    Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird
    ist ein alter und oft zitierter Satz (aus ‚Mathilde“, 1841, von Eugène Sue) und ich bin nicht der einzige, der diesen Satz seit ‚Star Treck‘ kennt.

    Der Boss der Bosse unserer Firma verließ den Raum.
    Ich erinnerte mich der unendlichen Leere der Akten-Schränke hinter mir und bewegte sogleich alle Papiere und Dinge ohne Änderung ihrer gegebenen Stapelung in eben diese hinein. Tja, das ist der Vorteil des papierlosen Büros. Es gibt unheimlich viel Ablagefläche zum Verstecken von papierhaltigen Unterlagen. Und damit sind diese Dokumente somit absolut NSA-sicher.

    Mein Feierabend war gekommen. Ich verließ meine Firma und kaufte mir im "Penny"-Laden gleich gegenüber Geschirrspülmittel. Mit dem Milliardär-werden kann man nie spät genug anfangen. "Penny" gibt es an jeder Ecke und schmutzige Teller habe ich bereits zu Hauf in meiner Spüle … Milliarden seid willkommen ...

  • Kneipengespräch: Witzigkeit kennt keine Grenzen

    Tresen2

    »Du kannst mir alles sagen, was du möchtest, aber diese Bevormundung seitens gesellschaftlicher Randgruppen geht mir auf den Zeiger!«

    Es durchzuckte mich ein Blitz der Aufmerksamkeit. Mein starrer Blick auf die einfallende Schaumkrone meines Kölsch wurde uninteressant und ich schaute nach links zu meinem Sitznachbarn.

    »Warum, frage ich dich, warum muss ich mir von denen sagen lassen, was ich zu tun und zu lassen habe?!«
    »Tun die das?«
    »Ja. Sie wollen, dass wir nicht mehr unsere Musik hören dürfen.«
    »Ach ja?«
    »Ja!«
    »Ja? Erzähl mir ein Beispiel.«
    »Ja? Gut, da passierte letztens in Österreich folgendes: Ein Türke steigt in Innsbruck in ein Taxi. Kaum Platz genommen, ersucht er den Taxifahrer, das Radio auszuschalten. ‚Ich möchte diese Musik nicht hören. Unsere Religion verbietet das und in der Zeit des Propheten gab es noch keine Musik, vor allem diese Volksmusik ist nur für Euch Ungläubige.‘ Der Taxifahrer schaltete darauf das Radio aus, blieb stehen und öffnete die hintere Tür. Der Moslem schaute ihn an und fragte: ‚Wieso bleibst du stehen?‘ Der Taxifahrer antwortete: ‚In der Zeit des Propheten gab es noch kein Taxi, also steig aus und warte auf dein Kamel!‘ Und jetzt, mein Bester, sage mir nochmals, die wollen uns nicht Bevormunden.«

    Er schaute mich triumphierend an. Mein Blick wanderte zurück auf die zusammenfallende Schaumkrone meines Kölsch. Kölsch in München, ja, geht’s noch? Kölsch? Bei den Münchner Brauereien vor Ort?
    Die Geschichte meines Nachbarn belastete mein Gemüt, aber ich konnte nicht umhin, nachzuhaken:

    »Sie haben sicherlich auch von den Fakten gehört, dass viele Juden in den Finanzbereichen sitzen und im Diamantenhandel schwer involviert sind, nicht wahr?«
    »Kommen Sie mir nicht damit, okay? Erstens stimmt es und zweitens ist es nachweisbar, wie stark die Juden im Geld- und Bankenbereich verwurzelt sind.«
    »Das bestreite ich nicht.«
    »Dann bestreiten Sie auch nicht, dass in der Finanzkrise 2008 diese ihre Finger im Spiel hatten.«
    »Nein, das bestreite ich nicht. Viele hatten ihre ungewaschenen Finger im Spiel. Auch Juden. Aber im Bereich Finanzwesen, da kennen sich auch Christen genauso gut aus. Ein Bischof namens Tebartz van Elst ist das neuste Synonym finanzieller Kompetenz in eigenen öffentlichen Angelegenheiten.«
    »Ich bin ausgetreten. Für die zahle ich nicht.«
    »Kennen Sie Robbin Williams? Den Schauspieler?«
    »Die Schnapsnase?«
    »Der hat mal bei einem deutschen Journalisten auf die Frage ‚Mr. Williams, warum gibt es nicht so viel Comedy in Deutschland?‘ tiefsinnig geantwortet: ‚Schon mal drüber nachgedacht, dass die Deutschen all die komischen Leute umgebracht haben?‘«
    »Diese Amerikaner! Die denken, sie seien der Nabel der Welt, haben aber noch nicht mal für 5 Cent Verstand. Die sind so dermaßen ignorant. Idioten? Kennen nur deren eigene vier Quadratmeter! Und jene Schnapsnase wirft uns die Ermordung der Juden vor. Aber deren eigenen Verbrechen ignoriert der einfach! Der soll mal vor der eigenen Haustüre kehren!«

    Jetzt war er auf 150:

    »Nach fast einem Jahrhundert! Der sollte weniger saufen, dann kriegt er auch einen klareren Blick!«

    Mein Blick auf mein zehntes Kölsch war ein wenig eingetrübt. Aber verstehen konnte ich ihn noch ohne Probleme. Allerdings anders, denn in der Nazizeit wurde nicht nur das Judentum ausgerottet, sondern es wurde auch der jüdische Humor aus dem deutschen Humorverständnis getilgt. Humor wurde generell als ‚subversiv“ und verfolgungswürdig erklärt. Das wurde mir ganz verstärkt klar, als er intensiv noch nachsetzte:

    »Wir brauchen keine Dinge wie Judentum oder Islam! Was haben die uns schon gebracht? Nur Blut, Leid und Tränen.«
    »Auch kein Christentum?«
    „Ich hab doch bereits gesagt, ich bin ausgetreten. Zahlungen für Religionen? Ich bin doch nicht blöd.«
    »Doch, Sie zahlen.«
    »Ich zahl nicht!«
    »Aber sicher doch! Mit den monatlich abgeführten Steuergeldern. Christliche Würdenträger wie Tebartz van Elst, Joachim Meisner, Margot Käsmann oder Nikolaus Schneider werden wie Beamte behandelt und bezahlt. Die schwören nicht nur auf die Bibel. Sondern auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Sie werden mit normalen Steuergeldern bezahlt, von Moslems, Juden, Christen und selbst von Scientologisten. Da macht der Staat kein Unterschied. Lediglich der Bürger denkt realitätsfremdes. Aber den interessiert es sowieso keine Fakten. Hauptsache alles ist christlich fundamentiert.«
    »He, hey, hey, jetzt gehen Sie aber zu weit!«
    »Nein, ich gehe noch weiter. Erzählt jemand, dass der jüdische Humor im Deutschen Reich sein Ende fand, dann schreien die Humorlosen auf und bezichtigen den Herrn Williams des Alkoholkonsums und wollen sich den Fakten nicht mehr erinnern. Jüdische Comedy und dessen Humor war subtil und phänomenal. In Deutschland war dieser nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie ausgerottet. Lubitsch? Billy Wilder? Unverstanden. Wenn es jemanden nicht mehr passt, dann wurden und werden die anderen entweder als Alkoholiker, Terroristen, Moslems oder Juden diffamiert. Aber nie als Christen.«
    »Glaubenskriege? Das müssen Sie gerade als Kölsch-Trinker sagen. Hier in München! Es gilt immer noch die Wertegemeinschaft.«
    »Wertegemeinschaft? Wenn es dieser dann aber nicht passt und sich jene auch noch als christlich bezeichnen, dann nennen sie deren Entscheidung als ‚alternativlos‘. Das gilt dann sogar als anerkanntes Kanzlerinnenwort. Fraktions- und gesellschaftsweit.«

    Er schaute mich mit einem feindlichen Blick an. Offenbar hatte ich Grenzen des guten Kneipengeschmacks überschritten. Allerdings hatte ich mich gerade erst warm geredet.

    »Die Deutschen schwören auf ihre christlichen Feiertage und ihre christlichen Wurzeln. Auf die im Namen Gottes geschlachteten Bauern, Wissenschaftler und Religionskritiker. Säßen alle, die im Namen der christlichen Wertegemeinschaft vernichtet wurden, säßen all jene also zu Rechten Gottes, als Grabbeigabe wäre ein sehr starker Feldstecher eine gute Idee. Stattdessen ist das Leichenhemd immer recht dünn und luftig. Soll ja heiß sein in der christlichen Hölle!«

    Der Wirt warf mir einen besorgten Blick zu. Er schien zu fragen, ob mit mir alles in Ordnung sei. Innerlich beantwortete ich die Frage mit einem „Nein“ und fuhr ungehemmt weiter mit der Kölsch-Stange in meiner Rechten:

    »Und zu Ihrem Pseudo-Witz am Anfang, den mit dem Türken in Österreich und der Musik im Taxi: Ja, ich wäre auch ausgestiegen! Volksmusik ist für mich mein Brechmittel. Die Hai-Ti-Tai-Musik kotzt mich an. Dazu muss ich nicht erst Türke sein. Und ganz unter uns Intelligenzbolzen, interessant ist es, dass ein Volk, welches entscheidend osmanisch geprägt wurde, sich gegen seine eigene Geschichte auflehnt. Entweder entspricht der Pseudo-Witz einer Geschichtskenntnis in Höhe einer Plateausohle oder der Erzähler will gezielt vordergründige Stimmung schaffen. In beiden Fällen hat er das Letztere erreicht und bewegt sich damit auf dem Niveau einer Amöbe! Scheiß Neo-Nazis!«

    Viele Erinnerungen an den weiteren Verlauf jenes Abends habe ich nicht mehr.
    Filmriss. Zu viel Kölsch womöglich.
    Nach Aussagen der Polizei muss ich wohl danach eine Schlägerei angezettelt haben. Dabei bin ich doch eine recht friedliebende Natur. Mein Gegenüber konnte eine Platzwunde an seiner Stirn verhindern. Meine wurde im Krankenhaus geklammert.
    Im Laufe der Ermittlungen verzichtete der Wirt auf Hausverbot und Anzeige gegen mich, obwohl ich angefangen haben soll. So mehrere Zeugen. Von meinem Gegenüber kassierte ich eine Anzeige wegen Körperverletzung, Beleidigung und übler Nachrede.
    Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt wegen Anfangsverdacht. Allerdings stehen meine Chancen gut. Mein Rechtsanwalt versucht, mit der Staatsanwaltschaft einen Deal zu machen, weil keiner der Kneipenbesucher etwas gesehen haben wollte.

    Für mich lautet mein Kampfspruch ab heute: Nie wieder Alkohol. Zumindest kein Bier vor vier.

    So denn Gott will.

    Meine Tröstung: Kölsch ist nach langläufiger Meinung kein Bier.

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